Betriebsschließungsversicherung existenziell wichtig für ausgewählte Branche

Interview mit Wolfgang Hanssmann

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Zur Eindämmung des Corona-Virus waren und sind in Deutschland viele Betriebe ganz oder teilweise geschlossen. Betriebsschließungsversicherungen (BSV) wurden für viele Unternehmen damit zur existenziellen Frage. Kunden, die eine BSV mit Bezug auf das Infektionsschutzgesetz bei der HDI Versicherung abgeschlossen hatten, durften in dieser Situation darauf vertrauen, dass auch neuartige Krankheiten und Erreger von ihrem Versicherungsschutz erfasst sind.

Im Interview mit Dr. Sebastian Grabmaier stellt Wolfgang Hanssmann, Vorstandsvorsitzender der HDI Vertriebs AG, klar: „Für uns war immer selbstverständlich, dass wir im Zweifel zum Wohle unserer Kunden entscheiden.“

Dr. Sebastian Grabmaier: Herr Hanssmann, der Corona-Virus und die Folgen nehmen ein immer größeres Ausmaß an. Die HDI Versicherung hat Ende März bekannt gegeben, dass der neuartige Corona-Virus bei Betriebsschließungen (BSV) mit abgedeckt ist. Der Markt agiert hier unterschiedlich, warum geht HDI genau diesen Weg?

Wolfgang Hanssmann: Ja, die Versicherer gehen ganz unterschiedlich mit dem neuen Corona-Virus um. Ich kann hier nicht für den Markt im Ganzen sprechen, aber der Grundgedanke bei unserer BSV ist doch, Betrieben, die mit Lebensmitteln zu tun haben oder dem Heilwesen zugehören, eine Option zu bieten, sich gegen die Folgen und Risiken von Infektionen abzusichern. Natürlich ist die gesamte Versicherungsbranche immer von lokal begrenzten Schadenereignissen wie Salmonellen oder Legionellen und behördlichen Einzelverfügungen zu Betriebsschließungen ausgegangen. Präventive flächendeckende Schließungen von tausenden Unternehmen hat niemand für möglich gehalten. Unsere Kunden sollen hierdurch aber nicht schlechter gestellt werden. HDI Kunden, die eine BSV mit Bezug auf das Infektionsschutzgesetz abgeschlossen haben, konnten aufgrund unserer Bedingungen jederzeit darauf vertrauen, dass auch neuartige Viren, Krankheiten und Erreger von ihrem Versicherungsschutz erfasst sind. Betriebsschließungen, aufgrund des Corona-Virus sind in bestehenden Policen bei uns mitversichert. Wir möchten für unsere Kunden in dieser schwierigen Zeit da sein.

Grabmaier: Sie betonen, dass HDI in der aktuellen Krise für Ihren Kunden da ist und sich im Zweifel positiv für diesen entscheiden. Vor kurzem wurden jedoch Änderungskündigungen im Schadenfall ausgesprochen. Steht dies nicht im Wiederspruch?

Hanssmann: Nein, ich denke nicht. Durch den Corona-Virus ist es massenhaft zu Schadensfällen gekommen. Die Krise und die flächendeckenden Betriebsschließungen haben auf diese Weise einen Konstruktionsfehler in der BSV sehr deutlich gemacht, Diesen werden wir jetzt beheben und das Produkt entsprechend anpassen. Denn auch, wenn wir jetzt geleistet haben – Betriebsschließungen auf der Grundlage von präventiven Allgemeinverfügungen entsprechen nicht dem Grundgedanken der BSV und überfordern diese Versicherungsart völlig.

Grabmaier: Sind Pandemien somit zukünftig nicht mehr über die BSV versicherbar?

Hanssmann: Natürlich sind auch die betrieblichen Folgen einer Pandemie, wie beispielsweise beim Corona-Virus, zukünftig über die BSV versicherbar. Kommt es in Betrieben infolge einer Pandemie zu Krankheitsfällen oder es werden Erreger gefunden und diese Betriebe werden aufgrund von behördlichen Einzelanordnungen vorrübergehend geschlossen, werden wir auch weiterhin in Leistung treten. Die durch eine Pandemie entstehenden Folgen sind somit grundsätzlich privatwirtschaftlich versicherbar, nicht jedoch in Kombination dem Thema der „Allgemeinverfügung“.

Grabmaier: In Bayern wurde eine spezielle Entschädigungslösung vereinbart, an der Sie sich mit beteiligen. Warum haben Sie sich hier angeschlossen?

Hanssmann: Wir haben uns der bayerischen Lösung ausschließlich wegen der speziellen Situation von Hotelbetrieben angeschlossen. Für die Hotelbranche gab es keine allgemeinen Schließungsanordnungen, so wie es sie für Restaurants, Gaststätten oder Bars gab. Hotels wurden behördlich nicht geschlossen, haben aber durch die massiven Einschränkungen teilweise hohe Umsatzeinbußen. Damit fehlt jedoch eine bedingungsgemäß wesentliche Voraussetzung für den versicherten Schadenfall. Aus diesem Grund ist HDI sehr schnell der mit dem Freistaat Bayern vereinbarten Lösung beigetreten. Hierdurch können wir auch Hotelbetrieben eine schnelle und wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu bieten. Den Restaurantanteil eines Hotels regulieren wir natürlich gemäß unserer Bedingungen und nicht nach dem bayerischen Modell.

Grabmaier: Viele Betriebe fürchten, dass, wenn es zu einer Zahlung aus der BSV kommt, die staatlichen Unterstützungsleistungen nicht bewilligt werden. Wie steht HDI dazu?

Hanssmann: Die aktuelle Situation ist nicht nur für Betriebe neu, sondern auch für uns. Aus diesem Grund haben wir zu dieser Frage ein Gutachten in Auftrag gegeben. Aus diesem geht eindeutig hervor, dass Zahlungen aus der BSV keine negativen Auswirkungen auf das Anrecht anderer staatlichen Leistungen, wie beispielsweise Kurzarbeitergeld oder Soforthilfemaßnahmen der Länder und des Bundes, haben. Jedoch geht aus dem Gutachten auch hervor, dass staatliche Leistungen und Entschädigungen bei der Schadenregulierung berücksichtigt werden können. Schließlich gilt auch bei der BSV das Bereicherungsverbot.

Grabmaier: Welche Veränderungen haben Sie bei den neuen HDI Bedingungen für die BSV vorgenommen?

Hanssmann: Auf die wesentlichen Veränderungen bin ich bereits eingegangen. Wir haben zusätzlich eine vierwöchige Wartezeit in die neuen Bedingungen aufgenommen. Es gab auch bei uns einige Kunden, welche erst einen Tag vor dem offiziellen Shutdown in Deutschland eine BSV abgeschlossen haben. Im Magazin frontal 21 wurde unter anderem darüber berichtet. Diese Kunden haben wir natürlich genau so entschädigt, wie unsere restlichen Kunden auch. Wir wollen aber zukünftig durch die neue Wartezeit, einen Anreiz bieten, rechtzeitig vorzusorgen. Des Weiteren wurden einige Bedingungen klargestellt wie beispielsweise die Anrechnung staatlicher Leistungen oder der Ausschluss von Mehrfachleistungen für einen Versicherungsfall innerhalb eines Jahres.

Grabmaier: Welche Zukunft sehen Sie für die BSV nach den Erfahrungen der letzten Wochen?

Hanssmann: Für Betriebe im lebensmittelnahen Bereich und im Bereich Heilwesen ist und bleibt die BSV als Versicherung existenziell. Makler müssen, meiner Meinung nach, künftig bei Ihrer Empfehlung auch stärker das Verhalten eines Versicherers im Schadenfall berücksichtigen. Das ist letztlich der entscheidende Punkt, auf den es ankommt. Im Schadenfall zeigt sich, ob der Makler den richtigen Versicherer empfohlen hat. Durch den neuartigen Corona-Virus und dessen Auswirkungen wird vermutlich ein Branchenübergreifendes Interesse bestehen. Ich gehe stark davon aus, dass wir hier demnächst die ersten Produkte sehen werden. Als Spezialist für Gewerbeversicherungen sehe ich HDI in diesem Bereich auch für die Zukunft gut aufgestellt.